
Roths literarische Verbindung im Radetzkymarsch vom Wetter und dem Krieg lässt sich heute in ähnlicher Weise in Wetterberichten finden. Doch warum? Und was ist das Ziel dahinter?
In den letzten Monaten haben wir uns im Deutschunterricht mit dem Thema Tradition vs. Literarische Moderne befasst. Es handelt sich dabei um zwei Begriffe, die versuchen den Wesenszug der neuen Literatur, welcher im 18./19. Jahrhundert aufkommt, einzuordnen. In der traditionellen Literatur sind die Begriffe Form und Inhalt der Kern, um Literatur erfassen zu können. Mit der Form ist die Sprache gemeint und mit dem Inhalt das Narrative – oder allgemein das «Innere des Kunstwerks» [1]. In der modernen Literatur können die beiden Elemente nicht mehr voneinander getrennt werden, da die Sprache selbst an Bedeutung gewinnt. Deshalb wird allgemein der Begriff der Struktur – die Verbindung von allen inhaltlichen wie formalen Elementen – in der Literaturwissenschaft verwendet. Die Struktur wird dann in verschiedene Strukturelemente eingeteilt wie unter anderem die Figurengestaltung, die Wirkungsabsicht oder eben die Sprache. Die Sprache hat in der traditionellen Literatur keinen relevanten Botschaftsanteil, ist oftmals von der Alltagssprache abgehoben und symbolisch konzipiert. In der modernen Literatur wird mittels der Sprache Bedeutung geschaffen. Dazu trägt bei, dass die Sprache paradigmatisch-syntagmatisch konzipiert ist – Wörter werden also gezielt gewählt oder nebeneinandergestellt, um eine neue Bedeutung zu schaffen.

Im Unterricht besprochenen Roman Radetzkymarsch von Jospeh Roth geht es um den Zerfall einer traditionellen Welt (Habsburgische Monarchie) mit den traditionellen Werten. Ein Auszug ist sprachlich besonders aufgefallen: Der Erste Weltkrieg steht kurz vor dem Beginn und dies wird jetzt sprachlich angezeigt. Interessant ist, dass hier die Sprache sowohl traditionell wie moderne Elemente aufweist, was im ganzen Roman so festzustellen ist. Ein grosses Sommerfest findet statt und nun zieht ein Gewitter auf. Das Gewitter wird mit Sätzen und Begriffen wie: «Und man war allgemein geneigt, die Blitze, die man zufällig bemerkte, für misslungene Raketen zu halten»[2] oder «Man rüstete also zum Aufbruch und begab sich zu Fuss, zu Pferde und im Wagen in das Haus Chojnickis»[2] mit dem Aufbruch oder « […], dank den Heerscharen der Wolken, die von allen Seiten gegeneinanderrückten und sich vereinigten»[2]. Einerseits ist sichtbar wie gewisse Kriegsbegriffe spezifisch gewählt wurden, um eine neue Bedeutung zu schaffen: so wie sich die Sprache nun militarisiert, bereitet sich auch das Volk auf den Krieg vor – alles ändert sich und wird in diesem Sinne wie die Sprache auch militarisiert. Andererseits ist das Gewitter eine Metapher für den Krieg. Bei einer Metapher gibt es immer einen Bildspender- und Bildempfängerbereich und einen Schnittbereich beider Sprachbilder. Hier ist das Gewitter der Bildspender, der Krieg der Bildempfänger und das gemeinsame: beides ist zu dieser Zeit für die Menschen furchteinflössend, laut mit Knallen und die Blitze sind kurze Erhellungen des Himmels, die es beim Krieg auch gab.
Nachdem wir diese Textstelle besprochen haben, ist mir im Tram folgende Schlagzeile von 20Minuten aufgefallen:
«Polarfaust trifft Flachland – bis zu -12 Grad erwartet» [4]
Paar Tage später eine weitere:
«Bombenzyklon und Blitzeis: Lebensgefährliches Tief trifft Europa» [5]
Spektakuläre und völlig übertrieben formulierte Schlagzeilen sind bei 20Minuten keine Seltenheit. Auf den ersten Blick wirken die Schlagzeilen wie reiner Clickbait, jedoch musste ich nach einer kurzen Recherche feststellen, dass es sich bei der Verbindung von Wetter und gewaltvollen oder kriegerischen Begriffen um keinen Einzelfall in der Berichterstattung von Wetter in den letzten Monaten wie Jahren handelt. Nebst diesen Schlagzeilen lassen sich in etlichen – vor allem auch deutschen – Online-Zeitungen Wörter in den Schlagzeilen wie «Hitze-Knall», «Höllensommer», «Horrorkälte» finden und der sogenannte Bombenzyklon wird auch als «Beast oft he East» bezeichnet.
Auch hier werden Wörter wie bei Roth bewusst gewählt, um eine Bedeutung zu schaffen. Ein Vergleich damit könnte nun nahelegen, dass die Medien die Militarisierung der Gesellschaft und das Aufkommen des Krieges vorhersehen – im Gegensatz aber zum Radetzkymarsch handelt es sich hier nicht um Literatur, welche nach dem Geschehen geschrieben wurde, und ist daher eher Material für eine Verschwörungstheorie. All diese Wörter sind aber nicht unbedingt von militärischer Art und sind vielmehr mit einer gemeinsamen Bedeutung der Bedrohung und damit auch der Angst aufgeladen.
Der Klimawandel. Es gibt zwar keine direkte Metapher wie bei Roth, aber es gibt zwischen den beiden Begriffen wie bei einer Metapher eine Schnittstelle der aufgeladenen Bedeutung kriegerischer, Untergangsstimmung konnotierter und gewaltvollen Begriffe und dem Wetter. Nun wird der Krieg – oder weitergefasst: Wörter mit dem Krieg und dem Krieg verbundenen Emotionen sowie Bedeutungen – auf das Wetter übertragen. Wörter und Sprache haben einen grossen Einfluss, wie wir etwas wahrnehmen. Und dieses Phänomen, den Klimawandel überall anzudeuten und mit Angst zu verbinden, ist allgemein bekannt unter dem Namen «Alarmismus». Verschiedene ExpertInnen warnen aber davor: Die Umweltpsychologie benennt nämlich zwei Effekte, welche bei uns Menschen eintreten, wenn wir mit auf Angst basiertem Negativem konfrontiert sind: Entweder stürzen wir in eine lähmende Sorgenspirale oder wir wenden uns von dem Thema völlig ab. Beide Effekte sind nicht Teil der Lösung des Klimawandels. Zudem bedeutet Angst Macht: Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass Menschen durch die Angst zu bestimmten Zwecken leicht missbraucht werden können.
Während also Roth seiner Leserschaft durch seine geniale Schreibweise und Nutzung literarischer Methoden ein Sprachbild als Hinweis und die Sprache als Deutungshinweis mitgibt, sollte die umgekehrte Metapher von Wetter und Krieg kritisch betrachtet werden. Und damit auch der Titel dieses Blogs.
[1]: Beutler, Markus: Skript Literarische Moderne. Strukturen der modernen Erzählkultur. 2024, S.1
[2]: Roth, Joseph: Radetzkymarsch. Roman. S. 352
[3]: Geo: Alarmismus ist überflüssig https://www.geo.de/natur/klimakrise-braucht-keinen-alarmismus--die-erde-verbrennt-nicht-34914166.html
[4] 20Minuten: Wetter-News vom 4.1.2026 https://www.20min.ch/story/wetter-schweiz-frostfaust-trifft-flachland-bis-zu-12-grad-erwartet-103480271
[5] 20Minuten: Wetter-News vom 8.1.2026 https://www.20min.ch/story/schneesturm-bombenzyklon-und-blitzeis-lebensgefaehrliches-tief-trifft-europa-103482433
Perplexity.ai: https://www.perplexity.ai/