
Ein Essay über die Frage der Schuld in der digitalen Welt
Nach einem langen Arbeitstag schaut ein Mann wie jeden Tag im Bett TikTok-Videos. Eine Triggerwarnung erscheint, er drückt sie weg. Eine Frau steht auf dem Geländer, nur die Umrisse sind erkennbar. «Ihr Elenden! Diese Welt ist scheisse! Ich kann das nicht mehr!», schreit sie. Was für eine Verrückt, denkt er sich. Er mag sich doch jetzt nicht mit Suizid befassen, er will lustigere Videos sehen. Er scrollt weiter. Am nächsten Tag sieht er in den Nachrichten, dass die Frau tatsächlich Suizid begangen hat. Sie habe den «Shitstorm» auf Social-Media nicht mehr ausgehalten und als er ein Bild von ihr sieht, erkennt er sie – er schaut viele Videos von ihr – und muss an einen kürzlich gelesenen Text denken: Das Urteil von Franz Kafka. Ein Sohn vollführt das vom Vater getroffene Urteil, welches aufgrund von moralischen Grundsätzen des Vaters getroffen wird, und begeht Suizid. Der Vater wirft ihm unter anderem vor, die Familie im Stich zu lassen, die Frau für sexuelle Missbrauche zu benutzen. Der Sohn entspricht nicht dem Ideal des Vaters und der Vater verurteilt ihn dafür. Desto mehr der Mann über die Erzählung nachdenkt, fängt er an, ein schlechtes Gewissen zu entwickeln. War er nicht Teil der Urteilenden und trug eine direkte Mitschuld?

Der Mann schaut sich die letzten gemachten Videos der Frau an und Videos, die über sie gepostet wurden. In jedem Video gibt es über eine Million Aufrufe. Sein Like ist also nur eines von vielen – es hat keine grosse Gewichtung. Er hat ja auch nie etwas über sie gepostet: Das waren nur die anderen. Doch, liegt nicht genau da das Problem? Wenn jede und jeder RichterIn nach den eigenen Ideologie- und Moralvorstellungen sein kann - ohne sich dem Angeklagten stellen zu müssen - führt das zu einer Dezentralisierung der Schuld. Eine Kollektivschuld, die sich in diesem Ausmass im nicht-digitalen Raum kaum finden lässt – und in den Fällen, in denen es gefunden wird, treten gesetzliche Folgen ein. Der Mann weiss, dass keine Userin und kein User gesetzlich verurteil werden kann. Niemand hat schlussendlich gegen das Gesetz verstossen. Niemand kann als Drahtzieher gesehen werden – wie es beispielsweise bei Mobbing der Fall ist. Niemand wird für das, was er angerichtet hat, moralisch verurteilt werden. Keine Schneeflocke fühlt sich schuldig in einer Lawine.
Der Mann will sich seine Kommentare ansehen, die er unter ihre Videos gepostet hat. Es sind ja nur lustige Kommentare über ihre Aussprache, ihr Aussehen oder ihre Meinungen. Alles war nur lustig gemeint, die Frau war halt einfach ein «Meme» – denkt er sich. Er wollte damit nichts Böses. Der Vater in Das Urteil hingegen veruteilt den Sohn mit einer klar bösen Absicht – weil der Sohn ein «teuflischer Mensch» (Kafka 2007,1935: 60) sei - zum «Tode des Ertrinkens» (ebd.). Doch auf Social-Media entsteht die Schuld nicht mehr durch eine böse Absicht. Jede und jeder will unterhalten werden und andere unterhalten – ein lustiger Kommentar, ein Like unter einem lustigen Video oder sogar ein Video über ein «Fail» von einer anderen Person. Was zählt ist nicht mehr die Absicht, sondern die Wirkung von Taten. Am Ende hat sich die Frau umgebracht – ohne, dass eine böse Absicht eines einzigen Urteilenden (Social-Media-UserInnen) vorhanden sein musste.
Der Mann besucht die Beerdigung der Frau, er erwartet viele Menschen – viele, die dieselbe Erkenntnis wie er machten. Die wie er von den Schuldgefühlen geplagt nicht mehr schlafen können und sich wenigstens bei den Angehörigen der Frau entschuldigen wollen. Er täuschte sich, nur wenige Leute nehmen an der Beerdigung teil. Schlussendlich muss er sich eingestehen, dass es einfach ist zu urteilen. Sich einzureden, dass keine böse Absicht hinter Likes, Kommentare und Videos steckt und dass man als Einzelperson keinen so grossen Einfluss auf eine Person haben kann – die man gar nicht kennt – dass diese keinen anderen Weg ausser dem Suizid sieht – nicht schuldig ist. Ja, am Ende springt die Frau alleine – sie wird nicht geschupst. Ja, am Ende ertränkt nicht der Vater den Sohn – der Sohn ertrinkt alleine. In einer Gesellschaft – sei es innerhalb einer Familie oder im digitalen Raum - ist ein Mensch aus sozialen Gründen den vermeintlichen Urteilenden unterworfen. Die Urteilenden trugen also früher und heute, sowie im engen als auch im grossen Raum eine Verantwortung.
Kafka, Franz 2007, 1935: Das Urteil. Eine Geschichte. Das Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. Herausgegeben von Roger Hermes. Frankfurt am Main: S. Fischer